Markus Rehm ist Weitspringer und Ausnahmesportler in seiner Disziplin. Doch er trägt eine Prothese. Erschwert das einen Vergleich der sportlichen Leistung?

Einer Studie zufolge hätten unterschenkelamputierte Sportler einen Leistungsvorteil, wie der Tagesspiegel berichtete. Seit bei einem Bootsunfall mit 14 Jahren sein Unterschenkel zerriss und dieser amputiert werden musste, trägt er am rechten Bein eine Prothese. Er springt mit dieser Prothese 8,40 Meter weit und ist damit unangefochtener Weltrekordhalter in seiner Klasse T44 der Einbeinamputierten. Zum Vergleich: Der Weitsprung-Olympiasieger von Rio de Janeiro bei den nichtbehinderten Athleten, Jeff Henderson, gewann mit einer Weite von 8.38 Meter. Er springt also so weit, dass er keine ernstzunehmende Konkurrenz in seiner paralympischen Disziplin hat. Daher startete er 2014 bei den Deutschen Leichtathletikmeisterschaften der unversehrten Sportler und gewann auch diesen Wettkampf. Bei der folgenden Leichtathletik-Europameisterschaft durfte er jedoch nicht antreten. Seinen Titel als Deutscher Meister konnte er ebensowenig verteidigen und startete außerhalb der Konkurrenz und damit auch außerhalb der Wertung. Warum?

Markus Rehm beim Absprung
Foto: Olaf Kosinsky/Wikipedia

Es heißt, seine sportlichen Leistungen wären nicht mit unversehrten Sportlern vergleichbar. Es ist nicht auszuschließen, dass er sich durch seine Prothese einen Vorteil gegenüber den ‚gesunden‘ Athleten verschafft. Das Gegenteil kann jedoch genauso wenig bewiesen werden. Zwar erzielt der Sportler laut einer am 22. November 2017 in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlichten Studie der Sporthochschule Köln einen Vorteil beim Absprung. Demgegenüber ist er jedoch beim Anlauf benachteiligt. Die Debatte berührt die Dimension der Fairness. Die Sportwelt befindet sich damit in einem Dilemma.

Denn der Sport ist von Natur aus technisiert und weit entfernt von seiner reinen Natürlichkeit. Im Radsport, beim Schwimmen oder im Skisport – um nur einige zu nennen – gehört ein perfekt präpariertes Material zum sportlichen Erfolg dazu. Im Rennsport ist die Ingenieursleistung und die technische Verbesserung untrennbar mit dem sportlichen Erfolg des Autorennfahrers verknüpft. Das Training bedient sich ebenfalls moderner Technik, um Höchstleistungen zu bringen und ist hochprofessionalisiert. Und vom Doping als weitere technische Möglichkeit zur Leistungssteigerung soll gar nicht erst die Rede sein. Im Hochleistungssport, so scheint es, gewinnen nicht die fittesten Sportler, sondern viel mehr diejenigen, welche ihren Körper am besten stimuliert und entsprechend der sportlichen Anforderungen optimiert haben. Im Leistungssport existiert damit ein „Optimierungsdispositiv“ (Spreen 2015: 8), denn die Sportkultur ist von „medikamentöse[n] und chirurgische[n] Optimierungsmöglichkeiten“ wie auch von „technologische[n] Enhancement und verdatete[n] Leistungs- und Gesundheitskonzepte[n]“ (ebd.) durchdrungen. Es entspricht also weitestgehend der Normalität im Leistungssport und scheint von natürlicher Gesunderhaltung des menschlichen Körpers weit entfernt. Daher stellt sich die Frage, wo technische Unterstützung im Sport als solche anfängt und wie die Vergleichbarkeit im sportlichen Wettkampf gewährleistet bleibt, die auch schon im Rahmen der Leistungen des Sprinters Oscar Pistorius debattiert wurde.

Damit berührt das Problem auch eine philosophische Dimension um die Natur des Menschen, dem die Künstlichkeit quasi eingeschrieben ist. Der Mensch kultiviert seine Natur, der er als Mängelwesen gegenübersteht. Diese Sichtweise lässt sich in die lange Theorietradition des Menschen als Mängelwesen (Gehlen 2004) und Krüppelfigur (Sloterdijk 2009), als Vorstufe zum Übermenschen (Nietzsche 2014) und Prothesengott (Freud 2010) einordnen, der sich technischer Artefakte bedient, um seiner Natürlichkeit – oder seiner natürlichen Künstlichkeit (Plessner 2003) – Ausdruck zu verleihen. Auch aktuelle Debatten von Harrasser (2013, 2016), Dederich/Meuser (2012) oder Bockrath (2012), aber auch Essays zu den Themen Doping und Natürlichkeit (vgl. Asmuth 2012) befassen sich mit dem Thema und wenden sich zum Teil explizit dem Sport zu. Die evolutionäre Kultur ist es, die dem Menschen eingeschrieben ist. Sie stellt dessen Weltbezug her. Der moderne Hochleistungssportler wirkt als Spezifikation des Übermenschen. Im täglichen Training muss er sich stets überwinden und gegen (eigene körperliche) Widerstände durchsetzen. Damit lässt sich der scheinbare Gegensatzes von Natur und Kultur verstehen, wie er bei der Debatte um die Inklusion von behinderten Sportlern mitschwingt. Die Doppelnatur des Gegensatzes von Natur und Kultur des Menschen gipfelt in der moralischen Sichtweise, dass nur eine natürlich erbrachte Leistung den Grundsätzen der Fairness entspricht. Körperlich versehrte Menschen werden daher in die Grenzbereiche des Behindertensports separiert.

Die Prothese steht seit ihrer Etablierung und Modernisierung nach dem Ersten Weltkrieg stellvertretend für die ambivalenten Effekte von Wissenschaft und Technik. Denn nicht zuletzt der Erste Weltkrieg hat als groteskes Modernisierungsphänomen jene Entwicklung vorangetrieben, welche die Kriegsversehrten mit den Mitteln der Prothetik in die Nachkriegsgesellschaft integrieren sollte. Der „prothetische Erweiterungsdiskurs, […] der mit dem Ersten Weltkrieg begann“ (Spreen 2015: 57) erstreckte sich dabei von Medien der medizinischen Heilung bis hin zu kybernetischen Medien der physiologischen Erweiterung. Der Sport von Behinderten fand seinen Anfang im größeren Rahmen nach dem Zweiten Weltkrieg mit den Stoke-Mandeville-Spielen für Rückenmarksverletzte betrieben. 1960 entstanden daraus die ersten offiziellen Paralympischen Spiele.

Die Inklusion von Behinderten wird in der Gesellschaft seither breit diskutiert. Im Sport stehen die Protagonisten im seltsamen Licht der Öffentlichkeit zwischen Mitleid, Staunen und Bewunderung (vgl. Masuhr 2016: 30 ff.). Die Paralympioniken werden medial zu Übermenschen stilisiert, wie die Kampagne Meet the Superhumans des britischen Fernsehsenders Channel 4 zu den Paralympischen Spielen 2012 in London zeigte. Für die 2016er Spiele in Rio de Janeiro griff der Sender dieses Narrativ mit der Kampagne We’re the Superhumans erneut auf. Es wird das Bild von Ausnahmekönnern gezeichnet, die es trotz ihrer Versehrtheit schaffen, schier außergewöhnliche Leistungen zu vollbringen. Ist das jetzt schon Techno-Doping, wie es Dederich und Meuser bezeichnen? Dann würde es als unerlaubte Leistungssteigerung gelten. Im Behindertensport sind die Sportler jedoch auf technische Mittel angewiesen, um ihren Sport überhaupt ausüben und ihr Handicap ausgleichen zu können. Ist das jetzt legitim und neutral oder leistungssteigernd? Für Harrasster (2013: 41) gilt: „Technologien im Sport sind selbstredend niemals neutral.“

Markus Rehm wünscht sich eine Akzeptanz seiner keinesfalls selbstverständlichen Leistung im nichtparalympischen Bereich. Er bemängelt im Tagesspiegel-Interview von 2015: „Es wird immer nur diskutiert, dass ich einen Vorteil hätte. Man spricht aber nie über einen Nachteil. Wenn es so einfach wäre, mit einer Prothese so weit zu springen, dann frage ich mich, wo die anderen Athleten sind, die womöglich die gleiche Technik haben.“ Die Debatte scheint noch lange nicht beendet.

Dem vorliegenden Text dient meine Hausarbeit Von Mängelwesen und Übermenschen. Medienanthropologische Betrachtungen am Beispiel des Weitspringers und Para-Olympioniken Markus Rehm als Vorlage. Die Hausarbeit kann beim GRIN-Verlag heruntergeladen werden.

Literatur

Asmuth, Christoph 2012. Doping und Natürlichkeit – Eine Aporie. Online unter: http://www.trans-lating-doping.de/sites/td/files/dokumente/CA_Doping_und_Nat%C3%BCrlichkeit.pdf (letzter Zugriff: 10.08.2016).

Bockrath, Franz 2012. Anthropotechniken im Sport – Eine Einführung. In: Ders. (Hrsg.). Anthro-potechniken und Sport. Lebenssteigerung durch Leistungsoptimierung? transcript Verlag. Biele-feld. S. 9-25.

Dederich, Markus/Meuser, Svenja 2012. Anthropotechnik und Behinderung. In: Bockrath, Franz (Hrsg.). Anthropotechniken und Sport. Lebenssteigerung durch Leistungsoptimierung? transcript Verlag. Bielefeld. S. 127-150.

Freud, Sigmund 2010. Das Unbehagen in der Kultur. Und andere kulturtheoretische Schriften. 2. Auflage. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main

Gehlen, Arnold 2004. Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. 14. Auflage. AULA-Verlag. Wiebelsheim.

Harrasser, Karin 2013. Körper 2.0. Über die technische Erweiterbarkeit des Menschen. transcript Verlag. Bielefeld.

Harrasser, Karin 2016. Prothesen. Figuren einer lädierten Moderne. Vorwerk 8. Berlin.

Masuhr, Lilian 2016. Behinderung und Medien. Ein Perspektivwechsel. In: Aus Politik und Zeit-geschichte. Antidiskriminierung. Heft 9/2016. 66. Jahrgang. S. 29-33. Online unter: http://www.bpb.de/apuz/221581/behinderung-und-medien-ein-perspektivwech-sel#footnode23-23 (letzter Zugriff: 08.09.2016).

Nietzsche, Friedrich 2014. Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. 19., vollständig neu bearbeitete Auflage. Alfred Kröner Verlag. Stuttgart.

Plessner, Helmuth 2003. Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philoso-phische Anthropologie. Gesammelte Schriften IV. Erste Auflage. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main.

Sloterdijk, Peter 2009. Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik. 1. Auflage. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main.

Spreen, Dierk 2015. Upgradekultur. Der Körper in der Enhancement-Gesellschaft. transcript Ver-lag. Bielefeld.

Werbeanzeigen