Doping ist Human Enhancement mit anderen Mitteln. Ein Essay über eine Anthropotechnik.

Doping ist eine herkömmliche Verbesserungsstrategie des Menschen und so normal, wie der Sport selbst. So oder so ähnlich könnte man die Optimierungspraxis von Athleten zuspitzen, die am Ende doch nur schneller, höher und weiter sein wollen.

Das folgende, etwas zugespitzte Essay versucht den Begriff des Human Enhancements mit dem Phänomen des Dopings im Sport zu verbinden. Doping soll dabei – auch in Anlehnung an Peter Sloterdijk (1999; 2009) – als eine das herkömmliche Training begleitende Anthropotechnik, als Verbesserungsstrategie des Sportlers in der Arbeit an sich selbst (vgl. Sloterdijk 2009: 23) oder, mit den Worten von Christoph Asmuth (2010a), als „Technik, die am Menschen selbst angreift“, begriffen werden. Das Essay vom März 2016 entstand im Rahmen des Seminars zu Medialen Anthropologien der Bauhaus-Universität Weimar, wo dieser Forschungsbereich besonders diskutiert wird.

Was heißt Anthropotechnik?

Die Anthropotechnik dient der zumindest temporären Erweiterung der natürlichen körperlichen Leistungsfähigkeit. Sloterdijk versteht unter Anthropotechniken im Allgemeinen: „die mentalen und physischen Übungsverfahren, mit denen die Menschen verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen und sozialen Immunstatus angesichts von vagen   Lebensrisiken und akuten Todesgewißheiten zu optimieren“ (Sloterdijk 2009: 23).

Anthropotechniken besitzen vor diesem Hintergrund zwei Funktionen: Zum einen handelt es sich um die Immunisierung und Befähigung zur Abwehr lebensgefährdender Umstände innerhalb der Umwelt, wie Krankheiten, Gewalt oder soziale Konflikte. Zum anderen geht es um die Fähigkeit zur allgemeinen Verbesserung menschlicher Fähigkeiten. Anthropotechniken „zielen in ihrem konstruktiven, auf produktive Steigerungen abzielenden Aspekt darauf ab, dieses Gegebene hin zu einem als besser erachteten Zustand oder Können zu transzendieren“ (Dederich/Meuser 2012: 130).

Doping: Eine kurze Geschichte

Doping tritt dabei mitnichten als Optimierungstechnik auf, um das Leben zu verlängern und dem Tod aus dem Weg zu gehen. Beispiele aus der Geschichte des Dopings zeigen, dass mit Dopingpraktiken die zum Teil tödlichen Risiken stillschweigend in Kauf genommen werden. Das Ziel ist jedoch klar: Der Sportler will am Ende eines Wettkampfes als Sieger feststehen. Dazu muss er in Konkurrenz zu seinen Mitstreitern die beste Leistung erbringen. Auch im Widerspruch zur moralischen Ächtung wird Doping zur Erreichung dieses Zieles häufig akzeptiert.

Zur Klärung des Doping-Begriffs im Leistungssport gibt es verschiedene Ansätze. Ursprünglich stammt er aus der Eingeborenensprache des südafrikanischen Stammes der Kaffern. Der Schnaps ‚dop‘ mit stimulierender Wirkung wurde bei Feiern und Kulthandlungen getrunken und regte den Kreislauf und das Nervensystem an. Der Begriff wurde von den Engländern übernommen und 1889 erstmals in ein englischsprachiges Lexikon aufgenommen. Demnach handelte es sich bei Doping um eine Mischung aus Opium und Narkotika, die in dieser Zeit bei Pferderennen verabreicht wurden, um das eigene Pferd aufzuputschen – dope to win – und um das gegnerische zu vergiften – dope to lose (vgl. zur Kontroverse des Begriffs ‚Doping‘ Caysa 2012: 107ff.).

Tatsächlich veränderte sich die Definition, die im Laufe der letzten Jahrzehnte an die tatsächlichen Gegebenheiten innerhalb des Katz-und-Maus-Spiels zwischen Dopingfahndern und sogenannten Dopingsündern angepasst wurde. Dabei gilt es auf dem Weg von der Moral zum Recht auf veränderte Dopingpraktiken mit rechtlichen Regelungen sowie ausgefeilten Analysemethoden zum Nachweis des Dopings zu reagieren, um die Verfolgung und Bestrafung dopender Sportler zu ermöglichen. Erlaubt bleibt, was (noch) nicht verboten ist und gegen geltende Regelungen verstößt (vgl. Asmuth 2010: 26). So liest sich auch die offizielle Definition der World-Anti-Doping-Agency (WADA): „Doping is defined as the occurrence of one or more of the anti-doping rule violations set forth in Article 2.1 through Article 2.10 of the Code“ (WADA 2015: 18). Es bleibt in Anlehnung an diesen, normativ formulierten WADA-Code festzuhalten, dass unter Doping im Leistungssport aus rechtlicher Sicht ganz pragmatisch verbotene körperfremde und körpereigene Mittel und Methoden zur künstlichen Leistungssteigerung verstanden werden sollen (vgl. Caysa 2012: 110).

Doping und Human Enhancement

Unklar bleibt aus Sicht der Philosophie die Unterscheidung von Doping und Human Enhancement. Mit letztgenanntem wird weitestgehend „der legale Einsatz medizinischer Mittel und Techniken zur Verstärkung (bzw. der Wiederherstellung) ’normaler‘ Funktionalität mit dem Zweck der Wiedererlangung und des Erhalts der Leistungsfähigkeit sowie der Leistungssteigerung bei Gesunden“ bezeichnet (Caysa 2012: 108). Die ursprüngliche biologische Natur des Menschen wird im Falle des Dopings technisch manipuliert, was zu einer kurzfristigen oder dauerhaften Veränderung des menschlichen Körpers mittels Human Enhancements führt. „Doping ist Enhancement im Sport“ (Asmuth 2010: 114). Denn: „Wenn Menschen Schwierigkeiten zu bewältigen haben […], dann liegt ihre spezifisch menschliche Antwort darin, kultürliche Mittel zur Verbesserung ihrer Lage zu erfinden und einzusetzen“ (Hübner 2014: 35). Im selben Atemzug ließe sich auch von einer „Teleologie der Unvermeidbarkeit der technischen Überarbeitung der Körpers“ (Harrasser 2013: 85) sprechen. Doping stellt im Alltag und insbesondere im Sport ein solches Mittel dar, das vor allem im Spitzensport als Reaktion auf die durch Training angepeilte, letztlich aber utopische, unendliche Leistungssteigerung zur Durchsetzung gegenüber Konkurrenten im sportlichen Wettkampf genutzt wird. Gleichwohl steht es für eine Reihe künstlicher Mittel des Menschen, „mit denen er trotz seiner (Mängel-)Natur in der Natur und in seiner Zivilisation überleben konnte“ (Caysa 2012: 109).

Doping als Selbsterkenntnis der eigenen Optimierbarkeit

Die Optimierung der körperlichen Leistung durch herkömmliches Training und darüber hinaus durch den Einsatz von Doping folgt dabei zunächst einem Weg der Selbsterkenntnis mit dem Ziel, die Funktionsweise des eigenen Körpers zu entschlüsseln, um nicht zuletzt Möglichkeiten seiner Manipulation auszuloten. Wohl gemerkt lässt sich Manipulation im alltäglichen Verständnis neutral auslegen. Denn damit ist in erster Linie die legitime Form der Gesunderhaltung des Menschen mit Hilfe medizinischer oder alltäglicher Ergänzungsmittel zu verstehen. Dennoch stellt sie einen technischen Eingriff in die biologisch gegebene Natur des Menschen dar, der die Differenz von Natürlichkeit und Künstlichkeit gleichsam aufhebt. Es geht letzten Endes um „die Natur des Menschen, sich die Welt durch Techniken und Praktiken anzueignen; es ist seine natürliche Künstlichkeit oder seine künstliche Natur“ (Asmuth 2010: 21). Und die ist ihm seit jeher gegeben. Im Rahmen des Sports hebt das Training die Grenze von Natürlichkeit und Künstlichkeit auf. Doping überschreitet sie. „Der Sport selbst treibt die Unterwanderung der Trennung von Natur und Technik stetig voran“ (ebd.).

Makel der Unvollkommenheit

Sportler werden getrieben durch den Makel der Unvollkommenheit. Er oder sie wird weder seinen eigenen Erwartungen, noch denen seiner Umwelt (Sponsoren, Teammitglieder, Medien) gerecht. Dauerhafter Druck schlägt oftmals die Brücke zu unerlaubten Mitteln und Methoden der Leistungssteigerung. Das geläufige Motto ‚Schneller, höher, weiter‘ verdeutlicht das kontinuierliche Bestreben, in diesem Sinne die eigenen körperlichen Leistungsgrenzen über die gegebenen biologischen Möglichkeiten hinaus zu verschieben. Was nun Günther Anders als die „prometheische Scham“ des Menschen gegenüber der leistungsfähigeren, vom Menschen selbst erschaffenen Technik charakterisiert, ließe sich – gleichsam mit Bezug auf sozio-psychologischem Druck – als das Verlangen bezeichnen, den eigenen Leib mittels technischer Hilfsmittel zu überwinden, um jenen sozialen Problemen zu begegnen, von denen einige hier angesprochenen wurden (vgl. Anders 2010: 31).

Im Rahmen von Doping im Leistungssport und Human Enhancement im Alltag wird gewissermaßen erprobt, inwieweit biotechnologische Verfahren zur ‚Verbesserung‘ des Menschen, der sich generell durch einen „Überschuß an animalischer Unfertigkeit“ (Sloterdijk 1999: 33) in Bezug auf seine Umwelt auszeichnet, geeignet sind. Spitzensportler als „Übermenschen der modernen Welt […], die in Höhen streben, wohin der alte Mensch nicht folgt“ (Sloterdijk 2009: 638) erscheinen so als „Vorbote[n] einer technikbesessenen Körper-Avantgarde, die endlich die Mängel des Naturkörpers (als dem alten Echtheitskörper)“ überwinden, „in dem dieser hochtechnisch nachgerüstet und verbessert wird“ (Caysa 2012: 113). Die Grenze von Natürlichkeit und Künstlichkeit verwischt dahingehend an der Stelle, wo die Grenzen des eigenen Leibes zu überschreiten versucht werden.

Literatur

Anders, Günther 2010. Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. 4. Auflage in der Beck’schen Reihe. Verlag C. H. Beck. München.

Asmuth, Christoph 2010. Dopingdefinitionen – von der Moral zum Recht. In: Ders. (Hrsg.). Was ist Doping? Fakten und Probleme der aktuellen Diskussion. transcript Verlag. Bielefeld. S. 13-32.

Asmuth, Christoph 2010a. Vom Athleten zum Mutanten? In: Gen-ethischer Informationsdienst (GID). Heft 202. Gendoping. Oktober 2010. 26. Jahrgang. Berlin. S. 11-13.

Caysa, Volker 2012. Enhancement: Doping oder Selbsttechnik? In: Bockrath, Franz (Hrsg.). Anthropotechniken und Sport. Lebenssteigerung durch Leistungsoptimierung? transcript Verlag. Bielefeld. S. 107-125.

Dederich, Markus/Meuser, Svenja 2012. Anthropotechnik und Behinderung. In: Bockrath, Franz (Hrsg.). Anthropotechniken und Sport. Lebenssteigerung durch Leistungsoptimierung? transcript Verlag. Bielefeld. S. 127-150.

Harrasser, Karin 2013. Körper 2.0. Über die technische Erweiterbarkeit des Menschen. transcript Verlag. Bielefeld.

Hübner, Dietmar 2014. Kultürlichkeit statt Natürlichkeit: Ein vernachlässigtes Argument in der bioethischen Debatte um Enhancement und Anthropotechnik. In: Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik. 19. Jahrgang. Heft: 1. de Gruyter Verlag. Berlin. S. 25-58. Online unter: http://www.dietmar-huebner.de/sites/default/files/aufsaetze/aufsatz_kultuerlichkeit-statt-natuerlichkeit.pdf (letzter Zugriff: 06.04.2016).

Sloterdijk, Peter 1999. Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus. 1. Auflage. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main.

Sloterdijk, Peter 2009. Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik. 1. Auflage. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main.

WADA 2015. World Anti-Doping Code. Herausgegeben von der World Anti-Doping Agency (WADA). Montreal.

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