Eine Kurzgeschichte.

Die Leute müssen auch denken, ich hätte während meiner dreijährigen Ausbildung zum Berufskraftfahrer in Fachrichtung Personenverkehr geschlafen! Ich muss das so deutlich sagen, denn es gibt einen Unterschied, ob man Vieh oder sogar nur Güter transportiert – Fachrichtung Güterverkehr – oder ob man für Leib und Leben von fünfzig Menschen verantwortlich ist.

Die Leute wollen einfach nicht begreifen, dass es schon beim Einsteigen zu Unfällen kommen kann. Unfälle passieren in den alltäglichsten Situationen. Sie passieren, wenn man es nicht erwartet. Darum sind Vorschriften so wichtig und richtig. Vor allem im Straßenverkehr. Ihre Einhaltung kann Leben retten. Ihr Verstoß kann teuer werden. Trotzdem verhält sich jeder, wie es ihm beliebt. Jeder ist sich selbst der Nächste. Aber warum mache ich mir eigentlich Gedanken?

Neulich durfte ich meinen Fernbus wieder vom Zentralen Omnibusbahnhof in Berlin in Richtung Süddeutschland lenken. Es war früher Nachmittag, die Sonne schien und wärmte mit letzter Kraft die Novemberluft, ehe sich die wärmenden Strahlen verflüchtigten, um sich wie Zugvögel in wärmere Gefilden zu verabschieden. Mit freundlichen Worten habe ich meine Fahrgäste wie immer persönlich willkommen geheißen und letzte Hinweise gegeben. Eine schöne Fahrt.

Die Autobahn 9 verspricht stets eine ansprechende Reise. Mir gefällt die Route. Vom flachen Brandenburger Land wird es immer bergiger, je weiter man gen Süden fährt. Wenn man erst mal an der Dauerbaustelle kurz vor Berlin vorbei ist, geht die Fahrt auf der meist dreispurigen Autobahn zügig voran. Links und rechts blickt man auf weite Wiesen und Felder. Später wird das Land hügeliger, der Wald dichter. Windparks mit rotierenden Windrädern durchschneiden die Landschaft. Die untergehende Sonne grüßt von Westen. Hier und da eine Autobahnraststätte, die zu einem Imbiss einlädt. Nein danke, heute nicht. Dort der Verweis auf eine Autobahnkirche. Mit Jesus konnte ich allerdings noch nie etwas anfangen. Jeder ist sich des Glückes eigener Schmied. Derweil vernimmt man aus dem Fahrgastraum sanft das Durcheinander der vereinzelten Gespräche. Sonst herrscht friedliche Ruhe. Amen.

Ich verstehe mich nicht nur als ein Personenbeförderer. Ich bin Pilot mit Leidenschaft. Seit über zehn Jahren. Aber nicht, wie im Flugzeug, wo das Cockpit vom Fahrgast getrennt ist. Ich fahre gemeinsam mit meinen Passagieren. Ich bin Reisebegleiter. Aber auch nicht in der Form, wie es bei Zugbegleitern verstanden wird. Die laufen in einem Zug auf und ab und knipsen Fahrkarten, womit ihr Job mehr oder weniger getan ist. Fast zumindest. Dazwischen wird noch ein wenig Smalltalk betrieben. Mit dem Fahrgast oder dem Zugführer. Ah, sie sind Studentin, ja dann gucke ich noch kurz auf die Gültigkeit ihres Studentenausweises. Ach so, das heißt ja jetzt Studierendenausweis. Oh, sie haben eine Bahncard, ja dann brauche ich noch ihren Personalausweis. Nein, Payback-Punkte können sie bei uns nicht sammeln. Der Kaffeeautomat beim Bordbistro ist übrigens außer Betrieb. Gestern hat sich schon wieder einer auf die Gleise gelegt? Eine angenehme Fahrt.

Wer Bus fährt, wird nicht aus den tiefsten Gedanken gerissen und von einer unheimlichen Stimme nach Ausweispapieren gefragt. Nicht zu vergessen die automatisierten, freundlich gemeinten Ansagen vor jedem Bahnhofshalt mit ihrem Gedudel vorneweg! Ich lasse die Leute in Ruhe. Sie sollen reisen und sich entspannen. Ich muss auch nicht mit den Leuten reden. Die sollen mir einfach ihre Fahrkarten zeigen und dann einer nach dem anderen einsteigen. Wobei, ich würde nicht sagen, dass ich nicht mit den Leuten reden will. Aber worüber denn? Die Fahrgäste steigen ein und erwarten ihre Dienstleistung. Ein stiller Vertrag, ohne Kleingedrucktes. Ich zahle, du fährst, ich steige aus, du kannst mir gestohlen bleiben. Ein Hoch auf unsren Busfahrer!

Mein Job beginnt mit der gewissenhaften Fahrkartenkontrolle. Oder besser gesagt mit der Gepäckaufnahme. Doch nicht wie am Flughafen, wo der Koffer mit noch so sensiblen Inhalt durch die Luft geschleudert wird – im doppelten Sinne versteht sich. Ich trage bereits mit dem Gepäck Verantwortung – auch hier doppelt gemeint. Nichts darf zu Bruch gehen und vor allem soll alles reinpassen und sicher befördert werden. Darum kommen auch ZUERST die Koffer rein, DANN die Reisetaschen. Nach oben stapeln kann man immer noch. Und wenn ich sage, dass in den vorderen Gepäckraum nur das Gepäck der Stadt X und nicht das nach Y reinkommt, dann hat auch das seine Gründe.

Auch wenn es eine ältere Frau neulich besser zu wissen meinte: Ich bestehe auf Ordnung. Im Bus, unter den Sitzen, auf den Gängen. Gepäckstücke landen sorgfältig sortiert im Gepäckraum. Handgepäck gehört in die Gepäckladen ÜBER den Sitzen. Anschnallen ist selbstverständlich Pflicht. Der Müll gehört in die Mülleimer und Männer haben sich verdammt nochmal hinzusetzen, wenn sie auf die Toilette gehen. Die Trefferquote im Fernbus ist schließlich gleich null. Ich sage es immer wieder, ich wiederhole mich mit jeder Busfahrt. Aber warum verstehen das so Wenige? Wie trotzige kleine Kinder wird sich den Anweisungen widersetzt, als wären sie aus der Luft gegriffen. Wissen die Leute eigentlich, wem sie die Sauberkeit des Busses zu verdanken haben? Kontrollieren, Warten und Pflegen des Busses liegt im Verantwortungsbereich des Personenbeförderers. Das lernt man im ersten Ausbildungsjahr. Danke für den sauberen Bus. Keine Ursache. Früher wurde wenigstens noch geklatscht, als man das Ziel erreichte.

Ich habe in meinem Job gelernt, dass es klare Ansagen braucht. Wer klare Ansagen macht, wird besser verstanden und für voll genommen. Ein Straßenschild verpflichtet ja auch dazu fünfzig zu fahren, ein Stoppschild bedeutet anzuhalten. Da gibt es keine Spielräume. Und es funktioniert. Chaos ist schädlich. An der Supermarktkasse steht man in einer Reihe an und wartet, bis man dran ist. Und es funktioniert. In der Kantine bekommt einer nach dem anderen sein Essen. Und es funktioniert. Klare Ansagen sind für mich ein Schutzmechanismus, um meinen Job stressfrei ausüben zu können. Das ist nicht leicht, denn seit Fernbusse nicht nur pubertierende Schulklassen oder unternehmungslustige Rentner durchs Land fahren, sind immer mehr Fernbusse mit immer mehr Fahrgästen in Bewegung. Die Fahrpreise gingen runter, der Fahrplan wurde enger gestrickt und bei Verspätungen wird vor allem einer verantwortlich gemacht. Auf den Busfahrer ein Hoch!

Dabei entstehen Staus nur, weil wieder einer zu blöd zum Fahren war. Neulich hatte ich wieder eine Stunde Verspätung. Unfall. Stau. Warten. Ich sehe noch die gestressten Gesichter der Leute vor mir, wie sie am Ankunftsort kommentarlos ihr Gepäck entgegennehmen und mich heimlich verfluchen, weil ich nicht pünktlich war. Ich kann es in ihren Augen eben doch nicht besser als die Bahn. Doch die Wahrheit ist: Man sollte manche Menschen einfach nicht auf die Straße lassen. Oder ihnen zu ihrer eigenen Sicherheit ein Busticket in die Hand drücken.